Mehrsprachigkeit in der digitalen Welt

Herausforderungen und Chancen für digitale Kommunikation und Technologien

Lesezeit:        5 Min.
Publikation:    04. Februar 2026, Jessy Thür

Übersetzungsprogramm auf Computer
Die Schweiz ist ein Paradebeispiel für gelebte Mehrsprachigkeit: Mit vier nationalen Sprachen – Deutsch, Französisch, Italienisch und 
Romanisch – sowie zahlreichen weiteren Sprachen in der Bevölkerung ist sprachliche Vielfalt ein Teil der nationalen Identität. Laut einer Erhebung verwenden 68 % der Bevölkerung ab 15 Jahren regelmässig mehr als eine Sprache im Alltag. Englisch ist dabei die am häufigsten gelernte Nichtlandessprache. 

Diese Vielfalt stellt die digitale Welt vor besondere Herausforderungen. Im analogen Alltag ist Mehrsprachigkeit ein klarer Vorteil. In digitalen Sphären kann sie jedoch schnell zur Barriere werden – sei es in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungswesen, im Marketing oder bei digitalen Diensten allgemein.

Digitale Kommunikation in vier Sprachen

Schon bei klassischen Websites werden die Unterschiede sichtbar. In der Schweiz reicht es nicht, Inhalte einfach nur zu übersetzen. Stattdessen müssen sie lokalisiert werden, das heisst sprachlich und kulturell an die jeweilige Region angepasst werden. Diese Erkenntnis stammt unter anderem aus Analysen digitaler Strategien im Schweizer Markt – dort zeigt sich, dass einfache Übersetzung nicht genügt, um Menschen wirklich zu erreichen. 

Dieser Bedarf an Transkreation statt Übersetzung allein ist ein zentraler Punkt, der digitale Projekte in der Schweiz komplex macht. Sprachen unterscheiden sich nicht nur im Wortschatz, sondern auch in Ausdrucksformen, Tonalität und Nutzererwartungen. Eine digitale Kampagne, die in der Schweiz erfolgreich sein soll, braucht daher oft individuelle Anpassungen für Deutschschweiz, Romandie und Tessin – und idealerweise auch für spezifische Dialekte oder regionale Besonderheiten. 

Mehrsprachigkeit über Text hinaus

Sprache ist heute noch mehr als geschriebenes oder gesprochenes Wort. Menschen mit Sprachbarrieren – darunter Menschen, die primär Gebärdensprache nutzen – stehen digital vor zusätzlichen Hindernissen. Studien zeigen, dass die Einbindung von Gebärdensprache auf Schweizer Websites bisher noch unzureichend ist: Bei einer Untersuchung von fast 100 öffentlichen und privaten Websites bot weniger als ein Drittel signierte Inhalte oder Videos mit Gebärdensprachinterpretation an. 

Projekte wie DEEP, die digitale Plattformen und Augmented Reality nutzen, um gehörlose Bürger besser mit Institutionen zu verknüpfen, sind wichtige Schritte in Richtung inklusive digitale Kommunikation. 

Institutionelle Anforderungen und Digitalisierung

Auch der Staat spürt diese Herausforderungen. Die Bundesverwaltung unterhält Strukturen zur Förderung der Mehrsprachigkeit, unter anderem durch eine Sprachverordnung und Veranstaltungen wie die “Tage der Mehrsprachigkeit”. Diese Initiativen sollen sicherstellen, dass alle Amtssprachen angemessen berücksichtigt werden – auch in digitalen Kontexten. 
Während der COVID-19-Pandemie wurde die Bedeutung von Mehrsprachigkeit im digitalen Raum besonders sichtbar: Die Behörden übersetzten Gesundheitsinformationen in über 26 Sprachen, darunter auch Gebärdensprache. Doch nicht alle digitalen Angebote waren leicht zu finden oder barrierefrei zugänglich, so ein Bericht aus der Schweiz. 

Dies zeigt: Selbst wenn die Absicht besteht, umfassend mehrsprachig zu kommunizieren, besteht in der praktischen digitalen Umsetzung noch grosser Verbesserungsbedarf – sei es bei der Navigation, der Auffindbarkeit von Inhalten oder der Barrierefreiheit.

Digitale Technologien als Chance – nicht als Ersatz

Technologien wie maschinelle Übersetzung oder KI-gestützte Tools werden häufig als Lösung propagiert. Diese können insbesondere kleinere Übersetzungsaufgaben beschleunigen oder initiale Sprachversionen erstellen. Doch gerade im Schweizer Kontext gilt: Technologie allein reicht nicht. Menschliche Expertise bleibt wichtig, um kulturelle Nuancen und sprachliche Qualität zu gewährleisten. Denn gerade dort, wo juristische, kulturelle oder technische Inhalte korrekt und präzise kommuniziert werden müssen, darf die Maschine nicht ohne menschliche Kontrolle entscheiden. 

Akademische Programme wie spezialisierte Master-Studiengänge in Kommunikation, Übersetzungs- und Informationstechnologien bereiten Fachpersonen darauf vor, solche hybriden Herausforderungen zu meistern. Diese Ausbildungen verbinden linguistische Kenntnisse mit technischen Fertigkeiten, um digitale Inhalte qualitativ hochwertig und wirkungsvoll mehrsprachig zu gestalten. 

Digitale Mehrsprachigkeit – Herausforderung und Chance

Mehrsprachigkeit ist zweifellos ein Wettbewerbs- und Kulturvorteil der Schweiz. In digitalen Kontexten stellt sie Akteur:innen jedoch vor spezifische Herausforderungen:

  • Komplexität der Inhaltserstellung: Mehr als simple Übersetzung – echte Lokalisierung ist nötig. 
  • Barrierefreie Kommunikation: Auch nicht-schriftliche Sprachen wie Gebärdensprache müssen berücksichtigt werden. 
  • Institutionelle Verantwortung: Staatliche Förderung und Regulierungen unterstützen, sind aber nicht ausreichend. 
  • Technologie als Ergänzung, nicht Ersatz: KI und Tools erleichtern, ersetzen jedoch nicht menschliche Qualitätskontrolle. 
Für Organisationen und Institutionen in der Schweiz bedeutet dies: Ein digitaler Auftritt, der die Vielfalt der Gesellschaft wirklich abbildet, muss sprachlich, technisch und kulturell gedacht werden. Nur so kann digitale Mehrsprachigkeit nicht nur eine Herausforderung bleiben, sondern zu einer echten Stärke werden.

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«digitaljournal.ch»

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