Warum Schweizer Behörden oft eigene Software bauen statt Standardlösungen zu nutzen
Zwischen Föderalismus, Datenschutz und Individualität: Ein Blick hinter die Kulissen der Schweizer Verwaltungs-IT
Lesezeit: 5 Min.
Publikation: 12. Juni 2026, Jessy ThürDie Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung gilt in der Schweiz als wichtiges, aber komplexes Vorhaben. Während viele private Unternehmen auf etablierte Standardsoftware wie Microsoft-Lösungen, SAP oder spezialisierte SaaS-Anbieter setzen, fällt im öffentlichen Sektor ein anderes Muster auf: Schweizer Behörden entwickeln oder beauftragen häufig eigene Softwarelösungen oder stark angepasste Systeme. Das wirkt auf den ersten Blick ineffizient, hat aber strukturelle Gründe, die tief im politischen und organisatorischen System der Schweiz verankert sind.
Föderalismus als Treiber von Individualsoftware
Einer der wichtigsten Gründe liegt im Schweizer Föderalismus. Kantone und Gemeinden verfügen über weitreichende Autonomie, auch in der digitalen Verwaltung. Dadurch entstehen unterschiedliche Prozesse, gesetzliche Auslegungen und technische Anforderungen.Was in Zürich funktioniert, passt nicht zwingend in Appenzell oder Genf. Standardsoftware müsste daher oft massiv angepasst werden, um alle kantonalen Besonderheiten abzubilden.
In der Praxis ist es für viele
Behörden einfacher, eine massgeschneiderte Lösung zu entwickeln, die exakt auf
die lokalen Prozesse zugeschnitten ist, statt ein globales System aufwendig zu
konfigurieren.
Datenschutz und rechtliche Anforderungen
Die Schweiz verfügt über strenge Datenschutzgesetze und hohe Anforderungen an den Umgang mit sensiblen Daten. Behörden müssen sicherstellen, dass sensible Bürgerdaten besonders geschützt sind und oft auch physisch in der Schweiz gespeichert werden.Standardlösungen internationaler Anbieter können je nach Architektur und Hosting-Modell Fragen zur Datenhaltung, Datenhoheit und regulatorischen Anforderungen aufwerfen. Selbst wenn diese technisch sicher sind, entstehen rechtliche und politische Bedenken.
Eigene oder lokal entwickelte Software ermöglicht mehr Kontrolle über Datenflüsse, Hosting-Standorte und Zugriffsrechte. Das schafft Vertrauen, auch wenn es technisch und finanziell aufwendiger ist.
Ausschreibungen statt Produktkauf
Ein weiterer zentraler Faktor ist das öffentliche Beschaffungswesen. Behörden können Software nicht einfach „kaufen wie im App Store“, sondern müssen komplexe Ausschreibungsverfahren durchführen.Diese Ausschreibungen führen oft dazu, dass Anbieter keine fertigen Produkte liefern, sondern individuelle Lösungen entwickeln. Dadurch entstehen Projekte, die von Beginn an auf spezifische Anforderungen zugeschnitten sind, statt auf ein bestehendes Standardprodukt zurückzugreifen.
Das Resultat: Viele Systeme sind „Einzelanfertigungen“, die nicht ohne Weiteres übertragbar oder wiederverwendbar sind.
Legacy-Systeme und gewachsene IT-Landschaften
Viele Schweizer Behörden arbeiten mit IT-Systemen, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Diese sogenannten Legacy-Systeme lassen sich nur schwer durch moderne Standardsoftware ersetzen.Statt eines kompletten Neuaufbaus entscheiden sich Verwaltungen oft für inkrementelle Weiterentwicklung. Dabei entstehen hybride Systeme, die teilweise Eigenentwicklungen und teilweise Standardkomponenten kombinieren.
Der Wechsel auf ein komplett neues Standardprodukt wäre häufig mit hohen Migrationsrisiken verbunden – insbesondere bei kritischen Daten wie Einwohnerregistern, Steuerdaten oder Sozialversicherungen.
Sicherheit durch Kontrolle
In der öffentlichen Verwaltung spielt auch das Sicherheitsdenken eine grosse Rolle. Eigene Software bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit, aber mehr Kontrolle über Architektur, Updates und Zugriffsrechte.Gerade bei sensiblen Bereichen wie Justiz, Polizei oder Steuerverwaltung wird oft der Ansatz verfolgt: „Was intern entwickelt oder stark kontrolliert wird, ist besser nachvollziehbar.“
Diese Haltung führt dazu, dass Behörden lieber in eigene Lösungen investieren, statt sich vollständig von externen Anbietern abhängig zu machen.
Nachteile: Kosten, Tempo und Fragmentierung
So nachvollziehbar die Gründe sind, die Nachteile sind ebenfalls deutlich sichtbar. Eigenentwicklungen sind oft teurer, dauern länger und führen zu einer fragmentierten IT-Landschaft.Die fehlende Standardisierung erschwert zudem den Datenaustausch zwischen Kantonen und Behörden. Gleichzeitig zeigen digitale Plattformen und Informationsnetzwerke wie help.swiss, wie standardisierte Datenmodelle den Austausch und die Auffindbarkeit von Informationen erleichtern können. Genau hier liegt eines der grössten Probleme der digitalen Schweiz: Systeme sind zwar lokal optimiert, aber national nicht immer kompatibel.
Auch die Wartung solcher Individualsoftware bindet langfristig Ressourcen, da Know-how oft nur bei einzelnen Dienstleistern oder internen Teams liegt.
Ein System zwischen Pragmatismus und Komplexität
Dass Schweizer Behörden oft eigene Software entwickeln, ist kein Zufall und auch kein reiner Rückstand in der Digitalisierung. Vielmehr ist es das Ergebnis eines Systems, das stark auf Föderalismus, rechtliche Sicherheit und lokale Autonomie ausgelegt ist.Die Herausforderung der Zukunft liegt darin, diesen Ansatz mit mehr Standardisierung zu verbinden, ohne die Vorteile der Flexibilität zu verlieren. Genau hier entscheidet sich, wie effizient die digitale Verwaltung der Schweiz in den kommenden Jahren wirklich wird.
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«digitaljournal.ch»

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