Integrated Sensing and Communication Systeme
Wenn Kommunikationsnetze ihre Umgebung wahrnehmen
Lesezeit: 5 Min.
Publikation: 6. Januar 2026, Jonathan Schönholzer
Kommunikationsnetze befinden sich in einem grundlegenden Wandel. Lange Zeit lag ihr Fokus ausschliesslich auf der möglichst schnellen, zuverlässigen und effizienten Übertragung von Daten. Mit dem Konzept der Integrated Sensing and Communication, kurz ISAC, kommt nun eine neue Dimension hinzu. Kommunikationsnetze beginnen, ihre Umgebung aktiv wahrzunehmen. Sie übertragen nicht mehr nur Informationen, sondern gewinnen gleichzeitig Erkenntnisse über das physische Umfeld, in dem sie operieren.
Was bedeutet ISAC konkret?
Konkret bedeutet ISAC, dass Funksignale, wie sie heute bereits in 5G-Netzen und künftig in 6G-Systemen eingesetzt werden, doppelt genutzt werden. Einerseits dienen sie der klassischen Datenkommunikation zwischen Endgeräten und Netzwerkinfrastruktur, andererseits werden die reflektierten Signale ausgewertet, um Objekte, Bewegungen oder Veränderungen zu erkennen. Das Prinzip ähnelt bekannten Radar- oder Lidarsystemen, allerdings ohne dass dafür eine separate Sensorinfrastruktur aufgebaut werden muss. Die Kommunikationsinfrastruktur selbst wird zum Sensor.
Warum ist ISAC relevant?
Diese Integration bringt erhebliche Vorteile mit sich. Da keine zusätzlichen Sensoren installiert werden müssen, lassen sich Kosten, Energieverbrauch und Komplexität reduzieren. Gleichzeitig ermöglicht die direkte Verarbeitung der Sensordaten im Netz extrem kurze Reaktionszeiten. Dadurch entstehen Anwendungen, die in Echtzeit auf Veränderungen reagieren können. Besonders relevant ist dies in Umgebungen, in denen Sicherheit, Präzision und Effizienz eine zentrale Rolle spielen.
Mögliche Anwendungen
Ein zentrales Einsatzfeld von ISAC ist die Mobilität. Verkehrsflüsse können in Echtzeit erfasst, Fahrzeuge und Fussgänger erkannt und potenzielle Gefahrensituationen frühzeitig identifiziert werden. Für autonome oder teilautonome Fahrzeuge bieten solche Netzinformationen eine wertvolle Ergänzung zu bordeigenen Sensoren. Auch im urbanen Raum eröffnet ISAC neue Möglichkeiten. Städte können Bewegungsmuster analysieren, Verkehrssteuerungen dynamisch anpassen oder die Nutzung von Infrastrukturen besser verstehen, ohne flächendeckend Kameras oder zusätzliche Sensorik einsetzen zu müssen.
In industriellen Umgebungen gewinnt ISAC ebenfalls an Bedeutung. Produktionsanlagen, Lagerhäuser oder Logistikzentren können Maschinen, Güter und Personen präzise lokalisieren. Prozesse lassen sich optimieren, Arbeitsabläufe sicherer gestalten und Ausfallzeiten reduzieren. In Kombination mit privaten 5G-Netzen entsteht eine hochflexible Kommunikations- und Sensorplattform, die sich an die spezifischen Bedürfnisse eines Unternehmens anpassen lässt. Auch im Gesundheits- und Pflegebereich gibt es vielversprechende Ansätze, etwa bei der berührungslosen Bewegungserkennung in sensiblen Bereichen, wo der Einsatz von Kameras aus Datenschutzgründen problematisch ist.
Bedeutung für die Schweiz
Für die Schweiz ist ISAC besonders relevant. Das Land verfügt über eine dichte und moderne Mobilfunkinfrastruktur, eine starke Forschungslandschaft und eine Industrie mit hohem Automatisierungsgrad. Hochschulen, Technologieunternehmen und öffentliche Akteure beschäftigen sich bereits intensiv mit der Weiterentwicklung intelligenter Netze und datengetriebener Anwendungen. ISAC fügt sich nahtlos in diese Innovationslandschaft ein und könnte zu einem wichtigen Bestandteil zukünftiger Smart-City-, Industrie- und Mobilitätslösungen werden.
Herausforderungen und offene Fragen
Gleichzeitig wirft die Technologie neue Fragen auf. Wenn Kommunikationsnetze ihre Umgebung erfassen, entstehen sensible Daten. Datenschutz, Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz werden entscheidend dafür sein, wie erfolgreich sich ISAC etabliert. Es braucht klare rechtliche und ethische Rahmenbedingungen, die festlegen, welche Daten erhoben werden dürfen, wie sie verarbeitet werden und wofür sie genutzt werden können.
Integrated Sensing and Communication steht für einen Paradigmenwechsel in der Kommunikationstechnologie. Netze der Zukunft werden nicht nur schneller und leistungsfähiger sein, sondern auch kontextsensitiv und wahrnehmungsfähig. Für die Schweiz eröffnet dies grosse Chancen, verlangt aber zugleich einen verantwortungsvollen Umgang mit einer Technologie, die unsere digitale und physische Welt enger miteinander verbindet.
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«digitaljournal.ch»

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